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Annika
Ich weiß nicht mehr genau, wann Annika in unsere Straße zog. Aber ich erinnere mich noch daran, dass sie es nicht leicht hatte. Wir waren eine Clique von Jugendlichen, damals alle so im Alter zwischen sechzehn und achtzehn Jahren und trafen uns abends immer auf dem Spielplatz in unserer Straße. Die typischen Jugendlichen, morgens in der Schule abhängen, nachmittags mit Freundinnen oder Kumpels treffen, viele Partys, viel Alkohol und hin und wieder eine kleine Verliebtheit.
Annika war anders als wir. Sie trug immer nur dunkle Kleidung, schon allein das machte sie anders, schwarze Hose, schwarzes T-Shirt, schwarze Schuhe. Verbunden mit ihren dunklen Haaren wirkte ihr Gesicht dadurch blass und unscheinbar. Sie wollte sich auch nicht in unsere Clique integrieren. Sie rauchte nicht, sie trank nicht und ich kann mich nur an ein einziges Mal erinnern, da sie richtig derbe geflucht hatte.
Am Anfang haben wir sie viel geärgert, aber sie ignorierte uns einfach. Wir haben uns die tollsten Geschichten über sie ausgedacht. So eine seltsame Person, da war viel Raum für Fantasie und Spekulationen.
Und dann kam jener Sommertag.
Es war heiß und wir waren lange am Baggersee gewesen, hatten in der Sonne gelegen, gebadet und getrunken. Es war bereits dunkel, als wir mit unseren Rädern zurückfuhren. Wir hielten an unserem Spielplatz, tranken Bier und Schnaps und machten coole Sprüche. Bis Jutta plötzlich von der Bank kippte. Einfach so. Sie lag vor uns im fahlen Schein der Straßenlaterne und gab keinen Mucks mehr von sich. Wir standen ratlos um sie herum, versuchten, sie irgendwie wieder munter zu kriegen.
Und mit einem Mal war Annika zwischen uns. Sie kniete sich zu Jutta nieder, fühlte ihren Puls, versuchte zu spüren, ob Jutta noch atmete. Dann drehte Annika unsere Freundin auf die Seite, öffnete ihren Mund und holte mit ihren Fingern Erbrochenes heraus. "Schnell, einen Krankenwagen", sagte sie nur, mit der Ruhe einer routinierten Krankenschwester. Peter lief zur nächsten Telefonzelle und rief den Notarzt, der eine viertel Stunde später mit Blaulicht vor unserem Spielplatz stand. Jutta hatte einen Sonnenstich und eine Alkoholvergiftung und musste einige Tage im Krankenhaus bleiben. Ohne Annika hätte sie wahrscheinlich nicht überlebt.
Seitdem gehörte Annika irgendwie zu uns.
Sie hat keinem von uns je erzählt, woher sie kam und warum sie bei ihrem Onkel und ihrer Tante lebte. Über die verwahrloste Frau, die hin und wieder bei ihr zu Hause auftauchte, sagte sie einmal, sie wäre früher ihre Mutter gewesen. Sie hat uns nie erklärt, was sie damit meinte. Sie liebte Blumen, aber nur in der freien Natur. Ich glaube, wenn man ihr einen Strauß Schnittblumen geschenkt hätte, hätte sie vor Schmerz geheult.
Jetzt ist sie weg. Keiner weiß, wohin sie gegangen ist und warum sie ging.
Genauso lautlos wie sie gekommen war, verschwand sie auch wieder und irgendwie fehlt sie uns.
© Copyright by Sybille Baecker
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