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Lester
Lester hatte schon viel in seinem Leben erlebt und ihn konnte wenig aus der Ruhe bringen. Als er sich aber an diesem Morgen auf seinem Weg zur Arbeit in der Lincoln-Street plötzlich einem Rhinozeros gegenüber sah, wurde er etwas nervös. Zumal das Tier offenbar sehr schlecht gelaunt war. Er sah sich um und stellte verwundert fest, dass er ganz alleine auf der Lincoln Street stand. Wo waren all die anderen Passanten, die sich sonst morgens hier auf ihrem Weg zur Arbeit herum tummelten? Menschenleer lag die Gegend vor ihm, auch aus den Seitenstraßen hörte er kein Geräusch.
Er fragte sich, was er tun sollte. Wie verhielt man sich gegenüber einem wütenden Rhinozeros? Er hörte, wie in dem Haus zu seiner rechten ein Fenster geöffnet wurde.
Ein Mann rief ihm zu: "Sie müssen das Tier wieder zurück in den Zoo bringen, hier kann es nicht bleiben."
Ja, da hatte der Mann recht. Der Zoo war drei U-Bahn Stationen entfernt. Er wurde etwas ruhiger. Er würde das Rhinozeros einfangen und zurück in den Zoo bringen. Alles ganz einfach. Er suchte nach einem Strick, den er dem Tier um den Hals legen konnte, um es in die U-Bahn zu führen. In seiner Aktentasche fand er ein Seil, welches für den Zweck geeignet erschien. Warum er ausgerechnet heute ein Seil mitgenommen hatte, wusste er nicht. Er ging auf das Tier zu, das ihn mit schnaubenden Nüstern ansah.
"Ok, Junge, ich bringe dich jetzt zurück in den Zoo", sprach er und wunderte sich, dass er nicht mehr nervös war.
Ein weiteres Fenster auf der anderen Straßenseite öffnete sich und eine Frau erschien. "Das Tier muss zurück in den Zoo. Drei U-Bahn Stationen, dann sind sie da."
"Ich weiß", rief er zurück.
"Er weiß das schon. Ich habe es ihm gerade gesagt", meldete sich der Mann aus dem anderen Fenster.
"Könnten Sie jetzt bitte ruhig sein? Ich muss mich konzentrieren!"
Lester nahm das Seil, er war nur noch wenige Meter von dem Rhinozeros entfernt. Mit einem gekonnten Wurf warf er das eine Ende mit der Schlaufe über den Kopf des Tieres. Es schnaubte wütend und warf den Kopf unwillig hin und her. Lester hielt das Seil fest, bis sich das Tier etwas beruhigt hatte. Dann zog er an dem Seil. "Komm alter Junge. Wir fahren jetzt in den Zoo."
Das Rhinozeros bewegte sich keinen Millimeter. Lester zog energischer. Nichts. Er musste seine Taktik ändern. Etwas mutiger geworden, weil die Schlinge um den Hals des Tieres saß, ging er näher heran, zog erneut. Wieder nichts. "Komm schon, ich kann nicht ewig hier warten. Ich muss zur Arbeit. Beweg dich." Doch alles gute Zureden half nichts.
"Sie müssen ihn anschieben", schlug der Mann vor.
Lester stellte sich schräg hinter das Tier und schob. Auch jetzt keine Reaktion, außer ein verärgertes Kopfschütteln und schnauben.
"Jetzt stell dich nicht so an, du Mistvieh!" Er sah zu dem Mann am Fenster: "Könnten Sie nicht kurz runterkommen und mir helfen?"
"Nee nee, ich hab keine Zeit." Der Mann verschwand und schloss das Fenster.
Lester sah zum Fenster der Frau, aber auch die zog es vor, sich schnell in das Innere ihrer Wohnung zurückzuziehen.
Lester zog und schob, fluchte und schwitzte, aber das Tier weigerte sich, auch nur, einen Schritt zu gehen.
"Scheiß Vieh!", fluchte er und setzte sich erschöpft neben das Rhinozeros, das ihn mit seinen dunklen Augen ansah. Es schien nicht mehr ganz so schlecht gelaunt zu sein.
Das Klingeln seines Weckers ließ ihn schweißgebadet aufwachen. Es dauerte einen Moment, bis er sich orientiert hatte. Er war zu Hause in seinem Bett in der Adams-Street. Kein Rhinozeros weit und breit.
"Was für ein verrückter Traum", ging es ihm durch den Kopf.
Er stand auf und spürte jeden einzelnen Muskel in seinem Körper. Schlaftrunken wanderte er ins Bad und wusch sich das Gesicht. Er nahm seine Zahnbürste und begann, sich die Zähne zu putzen.
Plötzlich hörte er seinen Mitbewohner aus der Küche rufen: "Hey Lester, hast du das Rhinozeros schon in den Zoo gebracht?"
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