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Whisky & Crime: Krimis mit Schuss ...

 
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Morgengrauen
 
 
Ein unerwünschter Druck auf ihre Blase weckte Katie in den frühen Morgenstunden. Sie öffnete nicht gleich die Augen, versuchte, ihren Körper zu überreden, weiterzuschlafen. Erfolglos. Es war fünf Uhr morgens und sie musste zur Toilette. Nur mit T-Shirt und Slip bekleidet schlich sie aus dem Zimmer. Erst im Flur erinnerte sie sich, das Peter nicht zu Hause war. Es käme kein ärgerliches Grummeln, weil sie seinen leichten Schlaf gestört hatte. Sie musste sich nicht bemühen, leise zu sein.
 
Im Dunkeln huschte sie schlaftrunken zur Toilette und verschaffte sich Erleichterung. Sie hätte vor dem Zubettgehen keinen Tee mehr trinken sollen, dachte sie und wollte die Spülung betätigen. Ein unerwartetes Geräusch ließ sie zusammenzucken. Sie lauschte. Eine Tür wurde geöffnet, leise Schritte. Ihr Herz erstarrte mitten im Schlag. Einbrecher. Ein Dieb war in ihrem Haus und sie war allein. Sie verfluchte Peter und seine vielen Geschäftsreisen. Wir brauchen das Geld, erklärte er jedes Mal. Geld, Geld, Geld. Immer ging es nur um das verdammte Geld. Sie hätten dieses Haus niemals kaufen dürfen. Damit hatten sie sich völlig übernommen. Und jetzt war sie hier ganz allein! Was wollte der Einbrecher? Es gab nichts zu holen, außer ein paar Versicherungspolicen und drei Kunstdrucken von IKEA. Nichts davon wäre für einen Dieb von Wert.
Im Wohnzimmer wurden Schubladen aufgezogen und wieder geschlossen. Ihr Herz holte seinen Aussetzer nach, indem es begann, in rasanter Geschwindigkeit gegen ihre Brust zu hämmern. Die Kälte der Fliesen kroch über ihre nackten Füße in ihren Körper.
 
Was sollte sie tun? Flucht, war ihr erster Gedanke. Konnte sie aus dem Fenster klettern? Im fahlen Licht der Morgendämmerung sah sie die Umrisse des kleinen Fensters. Sie müsste auf die Toilette steigen und sich dann über die Fensterbank durch die schmale Öffnung heben. War sie stark genug? Konnte sie diesen Fluchtversuch unbemerkt wagen? Sie sah sich bereits halb durch die Fensteröffnung hindurch gekrochen, während der Einbrecher sie von innen wieder zurückzog. Die Vorstellung schnürte ihr die Kehle zu. Vielleicht stand vor dem Haus auch ein Komplize. Entmutigt verwarf sie den Gedanken wieder.
 
Im Flur schepperte die Bodenvase. Der Dieb war anscheinend im Dunkeln dagegen gestoßen und versuchte, das Geräusch zu ersticken. Ihre Augen suchten den Toilettenraum ab. Gab es irgendetwas, was sie zu ihrer Verteidigung einsetzen konnte? Sie hätte heulen mögen, wagte aber kaum, zu atmen. Was, wenn der Einbrecher die Tür öffnete? Der Raum war klein, sie konnte sich nirgends verstecken.
 
In der Wohnung wurde es still. Vielleicht war der Einbrecher wieder fort, hoffte sie. Es gab ja nichts, was sich zu stehlen lohnte. Sie wollte erleichtert aufatmen, als sie erneut Schritte hörte. Er ging zum Schlafzimmer. Abermals stockte ihr der Atem. Jetzt würde er das zerwühlte Bett finden. Die Schritte verstummten, die Schlafzimmertür wurde geöffnet. Sie hörte ein leises Klacken, zweimal hintereinander. Klack. Klack. Während sie noch überlegte, was für ein Geräusch sie gehörte hatte, wurde die Tür wieder geschlossen, die Schritte des Eindringlings wechselten die Richtung. Nun war er im Arbeitszimmer, verschüttete geräuschvoll den Inhalt der Schränke auf dem Boden. Er fühlte sich sicher. Vielleicht dachte er, sie wäre nicht zu Hause? Sie überlegte, ob sie die Chance nutzen sollte, um aus dem kleinen Raum hinaus und aus der Wohnung zu rennen. Das Arbeitszimmer befand sich schräg gegenüber der Toilette, entgegengesetzt zur Haustür, vielleicht vier oder fünf große Schritte. Sie müsste rennen, ganz leise natürlich, damit der Einbrecher sie nicht bemerkte. War schon jemand auf der Straße um diese Uhrzeit? Konnte sie draußen auf Hilfe hoffen? Wenn Peter doch nur bei ihr wäre! Einmal hätte sie ihn gebraucht. Nur dieses eine Mal. Aber Peter war nie da, wenn sie ihn brauchte. Sie gab sich innerlich einen Ruck. Peter war nicht da und sie musste handeln. Jetzt, jetzt sofort würde sie die Tür öffnen und losrennen.
Doch bevor sie diesen Entschluss umsetzen konnte, hörte sie wieder Schritte. Sie kamen direkt auf die Tür zu, hinter der sie sich verbarg. Schweiß brach ihr aus den Poren. Ihr Herz pumpte unablässig in atemberaubenden Tempo das Blut durch ihre Adern. In ihrer Panik griff sie zur Toilettenbürste, stellte sich, wild entschlossen ihre Ehre und ihr Leben zu verteidigen, vor die Tür.
 
Die Tür wurde aufgestoßen. Sie schrie, der Mann schrie. Eine dunkle Gestalt. Er wich einen Schritt zurück. Sie konnte sich nicht bewegen, stand mit erhobener Klobürste schreiend im Toilettenraum. Dann erstarb ihr Schrei. Vor ihr stand Peter. Erschöpft und auch erleichtert ließ sie ihren Arm sinken.
"Katie, warum bist du nicht im Bett?"
Etwas an der Art, wie er es sagte, irritierte sie.
"Warum bist du hier?", wollte sie fragen. Ihr Blick fiel hinter ihren Ehemann, in das Arbeitszimmer. Papiere und Ordner lagen wild auf dem Boden verstreut. Was hatte das zu bedeuten? Sie sah Peter fragend an.
"Hast du etwas gesucht?", fragte sie irritiert. Ihr Herz schlug noch immer, als wollte es einen Rekord gewinnen.
"Ja." Er lächelte. "Dich." Es war kein nettes Lächeln.
Viel zu spät sah sie die Pistole in seiner Hand - mit Schalldämpfer.
Es war das letzte, was sie sah.
Klack.
 
 
© Copyright by Sybille Baecker