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Whisky & Crime: Krimis mit Schuss ...

 
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Heute schon getwittert?
(Glosse)
 
 
Herr je! Bisher dachte ich, ich lebe in einem Dorf, aber anscheinend – so habe ich jetzt feststellen müssen – lebe ich nicht in einem Dorf, sondern hinterm Mond, vermutlich ganz hinten rechts.
 
Wie konnte es dazu kommen? Ich bin eine berufstätige Frau. Ich arbeite mit modernen Bürokommunikationsmitteln. Ich besitze ein Handy mit integriertem MP3-Player, Internetanschluss und Routenplaner sowie ein modernes i-Phone mit Touchscreen – unverzichtbar heutzutage, sagen Sie selbst! Wir haben zu Hause einen Fernseher, mit dem wir über einhundert Programme sehen können – was wir natürlich nie tun, aber allein, dass man die Möglichkeit hat, ist doch fantastisch, oder? Ich bin in vier Mailinglisten eingetragen, lese täglich die angesagten Blogs, habe mein Profil bei XING hinterlegt und spaziere in jeder freien Minute als Avatar mit dem klangvollen Namen Leandra durch mein zweites Leben – Second Life. Ich dachte, ich bin auf der Höhe. Dorf hin oder her, ich bin dabei. Die modernen Zeiten ziehen nicht an mir vorüber.
 
Tja, und dann telefonierte ich letzten Montag mit einer Freundin und sie fragte mich: „Meine Liebe, hast du schon einmal getwittert?“
 
Ich sehe Ihre überraschten Augen. So ähnlich habe ich auch geguckt. Getwittert?! Ich frage mich, welches Geständnis mich gleich am Telefon erwartet, während ich versuche, den Begriff einzuordnen. Ist twittern etwas Anrüchiges? Unanständiges? Gar Unmoralisches? Oder ist es ein neuer Begriff für einen netten, geselligen, alkoholbeeinflussten Abend? Twittern, Zwitschern ... vielleicht hat meine Freundin seit neuestem einen Sprachfehler?
 
„Getwittert?“, frage ich mit leichter Unsicherheit in der Stimme. Ich wusste, ich begebe mich auf ganz dünnes Eis.
„Ja, twittern. Das ist der Trend schlechthin. So cool, so kurz. Du erfährst so viel. Es ist toll.“
Twittern. Kurz und knackig. Ich steh total auf dem Schlauch – oder sagen wir lieber auf der digitalen Datenautobahn. „Was um alles in der Welt ist twittern?“, hauche ich und bin mir nicht sicher, ob ich die Antwort hören will.
„Twittern ist so etwas wie bloggen. Nur viel kürzer“, werde ich belehrt.
„Aha“, ist meine geistreiche Reaktion. „Und wer macht so was?“
„Na, alle!“
 
Alle, außer ich. Das war der Punkt, an dem ich feststellte, dass ich hinter dem Mond lebte und nicht davor. Ich war am Boden zerstört. Alle Welt twittert. Nur ich nicht! Ich beendete das Gespräch so schnell wie möglich, loggte mich ins Internet und googlete. Twittern: Speed-Blogging beschränkt auf 140 Zeichen. Alles und jeder kann hier mit Mini-Statements seine Welten-rettende Meinung kundtun. Und dann gibt es noch die Anderen: Die, die das lesen und deren Welt damit gerettet wird – oder auch nicht. Vielleicht hätte so die weltumspannende Finanzkrise verhindert werden können?! Ich frage mich, ob die Merkel auch twittert und schalte den Rechner wieder aus.
 
„Twittern“ ist jetzt also angesagt. Wo soll ich das noch in meiner digitalen Welt unterbringen? Mir bleibt ja gar keine Zeit mehr für das reale Leben. Andererseits – spielt sich das Leben nicht mehr und mehr – ja, quasi ausschließlich - virtuell ab? Machen wir uns nichts vor. Wer twittert, lebt! Und zwar nicht hinterm Mond, sondern global im hier und jetzt!
 
Seufzend gehe ich in die Küche. Wie leicht erscheint mir das Leben noch vor sechzig, siebzig Jahren gewesen zu sein. Da konnte man in seinem Second Life noch die Mailinglisten bloggen und auf dem Sofa mit XING und Eva persönlich twittern.
 
Auf diesen Schock brauche ich jetzt erst einmal einen Kaffee – oder doch lieber einen Latte Macchiato aus doppelt gerösteten Arabica-Espresso-Bohnen, einfach gemahlen, mit Karamel-Aroma und Milch aus ökologischem Anbau, gerührt – nicht geschüttelt ...
 
 
 
 
© Copyright by Sybille Baecker