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Fahrten mit der Deutschen Bahn sind niemals langweilig. Oder haben Sie schon mal jemanden getroffen,
der keine gute Geschichte über seine Erfahrungen bei Zugreisen zum Besten geben konnte? Ein Wochenende im
Jahre 2006 verbrachte ich größtenteils in den Zügen der DB. Folgenden Brief schrieb
ich ein paar Tage später an die Deutsche Bahn:
Fahrn, fahrn, fahrn mit der Bundesbahn ...
Sehr geehrte Damen und Herren,
das letzte Wochenende verbrachte ich mit der Deutschen Bundesbahn. Ich war auf der Reise von Entringen (ein beschauliches, kleines Örtchen im Schwabenländle, in der Nähe von Tübingen) nach Bad Bentheim (ein ebenso beschaulicher Ort in Niedersachsen, nahe der niederländischen Grenze).
Meine Reise begann mit der Ammertalbahn (RB 22108) in der Frühe um 8:30 Uhr. Ich war ein wenig spät dran und sprang quasi in letzter Sekunde auf den Zug, der mich pünktlich nach Tübingen brachte. Die erste Station meiner Reise. Eine freundliche Stimme aus den dortigen Lautsprechern informierte mich bei meiner Ankunft unverzüglich darüber, dass mein Anschlusszug, der IRE 3254, circa zehn Minuten Verspätung haben würde. Ich studierte meinen Reiseplan. Er besagte, dass mir in Stuttgart (meine nächste Umsteige-Station) bei regulärer Ankunft acht Minuten Zeit blieben, um von Gleis 13 zu Gleis 9 zu gelangen, um dort den ICE 612 mit Sitzplatzreservierung zu besteigen. Ich bemühte den für die Mathematik zuständigen Teil meines Gehirns und errechnete mir, dass ich, selbst unter Auferbietung aller meiner sportlichen Fähigkeiten, unmöglich meinen Anschlusszug bekommen würde. Der freundliche Bahnbeamte am Kundeninformationsdienst kam zu selbigen Ergebnis, meinte aber optimistisch, dass der ICE 612 in Stuttgart ja vielleicht auch Verspätung haben könnte. Ansonsten würde man mir dort am Bahnhof sicher weiterhelfen. Den Rest der Zeit, bis zum Eintreffen meines Zuges, verbrachte ich mit einem Schokoladen-Croissant und einer Tasse sehr heißem Cappuccino vom Bahnhofsbäcker.
Mit dem verspäteten IRE 3254 gelang ich schließlich gegen 9:58 Uhr nach Stuttgart. Dort wurde mir von einem anderen Bahnbeamten des Kundeninformationsdienstes eine Bestätigung über die Verspätung meines Zuges ausgestellt und eine neue Reiseroute gegeben. Frohen Mutes bestieg ich um 10:15 den IC 2392 nach Frankfurt. - Sicher, laut Fahrplan wäre dieser Zug eigentlich bereits um 10:05 abgefahren, nur leider gab es da eine kleine Verspätung.
Meine Sitzplatzreservierung galt hier nun leider nicht mehr. Aber ich hatte Glück und fand ein freies Plätzchen. Die zehnminütige Verspätung beunruhigte mich nicht weiter, da ich in Frankfurt siebzehn Minuten Aufenthalt hatte. Der Umstieg auf den ICE 76 gelang problemlos und meine Reise ging weiter nach Hannover. Nun, Sie werden denken, das ist nicht gerade der direkte Weg nach Bad Bentheim. Und Sie haben Recht. Dieser kleine Umweg über die niedersächsische Landeshauptstadt verzögerte meine Ankunftszeit um eine weitere halbe Stunde. Aber immerhin, ich war auf dem Weg. Die Zeit im Zug vertrieb ich mir mit lesen (Ken Follett "Die Nadel" - sehr zu empfehlen) und ich verspeiste ein Laugenbrezel, ich glaube, zwischendurch schlummerte ich ein.
Irgendetwas musste während meiner geistigen Abwesenheit den Zug verlangsamt haben, denn schon in - ich glaube es war Kassel - erhielten wir die Auskunft, dass der Zug Verspätung haben würde und der eine oder andere Anschlusszug aufgrund dessen nicht erreicht werden könnte. Erneut kein Grund zur Sorge für mich, denn in Hannover hatte ich ausreichend Zeit (23 Minuten), um in den Zug nach Bad Bentheim umzusteigen. Mit einer weiteren viertel Stunde Verspätung erreichten wir schließlich Hannover. Es reichte gerade zum Umsteigen in den IC 142 Richtung Niederlande, der mich in Bad Bentheim sicher und wohlbehalten absetzen würde. Leider war es mir durch die Verspätung nicht möglich, am Kundeninformationsschalter vorbei zu gehen und mir eine Bestätigung von Ihrem Kollegen zu holen - sonst hätte ich meinen Anschlusszug verpasst.
Die dreisprachige Durchsage - deutsch, englisch und niederländisch! Ich war wirklich beeindruckt! - , welche kurz nachdem wir den Ort Rheine passiert hatten, uns Reisenden mitteilte, dass in Bad Bentheim die letzten drei Waggons abgekoppelt werden würden (und man daher die Mitfahrer, die weiterhin mitfahren wollten bat, in die vorderen Wagen zu wechseln), führte zu einer kleinen Panik unter meinen Wegbegleitern, als der Zug unerwartet bereits in Salzbergen zum Stehen kam. Unter Aufbietung aller Kräfte und rhetorischen Fähigkeiten gelang es dem Zugbegleiter, die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen. Störungen auf der Strecke würden unsere Weiterfahrt lediglich um einige Minuten verzögern, alle Waggons würden noch bis Bad Bentheim mitgenommen. Letztendlich verlängerte sich die Fahrtzeit um eine weitere viertel Stunde.
Diese strikte Einhaltung der viertelstündlichen Verspätungen lässt mich zu der Vermutung kommen, dass Zugführer und Streckenplaner Akademiker sind und gerne von dem so bekanntem "akademischen viertel Stündchen" Gebrauch machen.
Glücklich, ein wenig hungrig, aber zufrieden, erreichte ich schließlich mit circa 101 Minuten Verspätung, um 16:44 Uhr mein Ziel: den Bahnhof von Bad Bentheim. Aber wie heißt es so schön - der Weg ist das Ziel.
Der Aufenthalt in Bad Bentheim war sehr schön. Wir feierten den 85. Geburtstag meines Großvaters.
Am nächsten Tag begab ich mich um 14:57 auf die Heimreise. Die Fahrt von Bad Bentheim nach Rheine verlief unerwartet komplikationsfrei. Da mir in Rheine 52 Minuten Wartezeit blieben, begann ich auch hier meine Fahrt mit einem guten Cappuccino in einem Cafe ganz in der Nähe des Bahnhofs. Der Anschlusszug, der IC 430, welcher mich nach Köln bringen sollte, erreichte den Bahnhof pünktlich - was mich sehr optimistisch stimmte - und ich konnte dieses Mal meine Sitzplatzreservierung nutzen. Das war eigentlich gut so, denn der Zug war, wie man so schön sagt, rappelvoll. Ich setzte mich auf meinen reservierten Platz und - schwitzte! Ich war nicht die Einzige, der es so erging. Die Reisenden, die mit mir diesen Waggon teilten, litten ebenfalls. Eine ältere Dame, auf dem Platz neben mir, bot mir freundlicherweise ein Erfrischungstuch mit Zitronenduft an. Von ihr erfuhr ich, dass ich mich glücklich schätzen konnte: den Sonntag zuvor hatte eben dieser Zug 1,5 Stunden Verspätung gehabt. Ich seufzte zufrieden.
Nun, die Zugbegleiterin musste nicht nur die kaum erträgliche Stickigkeit im Waggon ertragen, sondern auch den Unmut der Passagiere. Ich bewundere ihren Mut, sich dieser Aufgabe zu stellen. Wir erfuhren, dass die Klimaanlage nicht funktionierte. Höhere Gewalt, mehr oder weniger, da kann man nichts machen, außer schwitzen. Ja, wir Deutschen sind doch sehr verwöhnt. Kaum ist es mal ein bisschen wärmer, wird gejammert. Bis vor einigen Jahren gab es so etwas wie Klimaanlagen noch gar nicht! - Gut, damals konnte man noch die Fenster in den Zügen öffnen, aber wer will das schon bei 34 Grad im Schatten? Ich genoss auf meinem sonnenbestrahltem Fensterplatz die Aussicht der vorbeieilenden Landschaft. Da stellte sich mir die Frage, seit wann und warum es keine schattenspendenden Vorhänge mehr in den Zügen gab? Das war mir bis zu diesem Tage noch gar nicht aufgefallen.
Nach einer dreiviertel Stunde erhielten wir die Information, dass man uns in Köln etwas zu trinken reichen würde. Es ist ja wichtig, viel zu trinken, wenn man viel schwitzt, da sonst der Körper zu sehr austrocknet. Ich bekomme da zum Beispiel leicht Kopfschmerzen. Nun, Getränke in Köln nutzte mir gar nichts - denn da würde ich aussteigen.
Eine weitere viertel Stunde später eine tolle Nachricht: Man stellte uns zwanzig Sitzplätze in der ersten Klasse zur Verfügung. Waggon 12. Zu meiner grenzenlosen Verwunderung nahmen dieses Angebot nur relativ wenige Reisende an. Gut, der Waggon war am anderen Ende des Zuges und mit Gepäck und Kind und Kegel war es sicherlich kein Spaß, einmal längs durch einen prall gefüllten Zug zu marschieren. Vielleicht waren einige Gäste aber auch schon zu geschwächt. Nun, ich jedenfalls nahm das Angebot dankbar an und verbrachte die letzte Stunde meiner Fahrt bis nach Köln in der angenehm klimatisierten 1. Klasse. An dieser Stelle möchte ich mich da ganz herzlich bedanken (das meine ich ehrlich, bar jeder Ironie!).
Ich kam also erholt in Köln an, holte mir während meines geplanten 38minütigen Aufenthalts schnell eine Pizzaecke, denn ich hatte ja noch einige Stunden Fahrt vor mir. Ich verließ kurz das Bahnhofsgebäude, um einen Blick auf den Kölner Dom zu werfen. Ein imposantes Gebäude. Ich bin jedes Mal von neuem überwältigt von diesem Wunder mittelalterlicher Baukunst.
Frühzeitig begab ich mich zu meinem Bahnsteig und wartete auf den IC 2213. Was soll ich Ihnen sagen? Erinnern Sie sich an dieses akademische viertel Stündchen, von dem ich bereits sprach? Auch dieser Zug war akademischer Natur und hatte Verspätung - dafür funktionierte aber die Klimaanlage einigermaßen. Man darf das Positive nicht übersehen!
Leider gelang es nicht, auf der Strecke Köln - Stuttgart die Zeit wieder rein zu fahren und um 22:33 erreichten wir den Stuttgarter Hauptbahnhof. Unser Zugführer verabschiedete sich mit einem fröhlichen "Tschüßi", was zumindest bei einigen Reisenden ein kleines Lächeln auf die Lippen zauberte. - Auch ich habe gelächelt.
Es war seltsam leer am Bahnsteig, die Leute eilten zu ihren Anschlusszügen, ich zum Kundeninformationsschalter, denn die Bahn, mit der ich hätte weiterfahren sollen, war natürlich bereits weg. Um nach Entringen zu gelangen musste ich nun eine gute Stunde warten. Gut, ich hätte diese eine Stunde in zwei halbe Stunden aufteilen können. Eine halbe Stunde in Stuttgart, eine halbe Stunde in Herrenberg. Wo ist es gemütlicher? Wo ist eine junge Frau mitten in der Nacht sicherer? Es galt verschiedene Pros- und Kontras abzuwägen. Letztendlich entschied ich mich für Stuttgart.
Um 0:30 - eine Stunde später, als ursprünglich geplant - erreichte ich mit der RB 22144 schließlich wieder Entringen, dieses friedliche, beschauliche Dorf am Rande des Schönbuchs.
Ich hoffe, es hat Ihnen Spaß gemacht, mich auf dieser Reise zu begleiten und ich freue mich schon jetzt auf den Herbst. Da habe ich wieder eine Reise mit der Deutschen Bundesbahn geplant. Falls Sie einen weiteren Erfahrungsbericht wünschen, sagen Sie mir gerne Bescheid. Ich habe da noch einige Geschichten von defekten Lokomotiven, Schienen- und Sturmschäden, sowie diverse andere amüsante Reisegeschichten.
All diese unvorhersehbaren Ereignisse werden mich nicht davon abhalten, weiterhin mit der Deutschen Bahn zu reisen. Denn was sollte ich meinen Freunden erzählen, wenn sie mich nach der Fahrt fragen und ich könnte nur sagen: "Nun, ich stieg um 8:30 in den Zug und erreichte pünktlich um 15:03 mein Ziel." So etwas will doch niemand hören. Eines ist also sicher - eine Reise mit der Deutschen Bahn wird nie langweilig!
An dieser Stelle schließe ich nun meinen Bericht, um Ihnen Zeit zu geben, die Gutschrift zu berechnen, die Sie mir freundlicherweise für die Verspätungen zukommen lassen.
Anbei sende ich Ihnen die Belege und Reiserouten, die ich auf meiner Fahrt gesammelt habe.
Mit freundlichen Grüßen,
Sybille Baecker
www.lesezeit-sk-baecker.de
PS: Am nächsten Morgen machte ich mich im Berufsverkehr natürlich gleich wieder mit der Bahn auf den Weg zur Arbeit - ich kam eine halbe Stunde zu spät zur Arbeit und es lag nicht daran, dass ich verschlafen hätte ...
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