S y b i l l e   B a e c k e r

Whisky & Crime: Krimis mit Schuss ...

 
Start
 
 
Veröffentlichungen
 
Lesungen
 
Workshops
 
 
 
Whisk(e)y
 
Reiseberichte
 
Über Mich
 
 
 
Kontakt
 
Impressum  
 
 
 

Zum Fußball-WM-Finale nach Rom ...

Sonntag und Fußball 2 - Italien-Frankreich 6:4

Diese Nacht ist etwas ruhiger, da unser Zimmer ja nicht mehr direkt zur Straße liegt, dafür werde ich in den frühen Morgenstunden von einem penetranten, leisen Summen geweckt. "Mhmm Mhmm Mhmm Mhmm", geht es in einer Tour, immer die gleichen zwei, drei Takte eines mir unbekannten Liedes.
Stundenlang geht das so. Kennen Sie das? Wenn man einmal etwas störendes gehört hat, kann man nicht anders, als immer weiter diesem Geräusch zu lauschen, obwohl es einen total nervt. Ich versuche, meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, aber dann schleicht sich wieder dieses "Mhmm Mhmm Mhmm Mhmm" in meine Gehörgänge. Als ich nach Stunden aussichtslosen Kampfes aufstehe, sehe ich unten auf der Terrasse, von der uns ein verschlossenes Gittertor trennt, eine Frau mit einem Baby auf dem Arm im Kreis gehen "Mhmm Mhmm Mhmm Mhmm" ….

Beim Frühstück treffen wir wieder die Spanierinnen und auch am Nebentisch hat sich eine spanische Familie eingefunden. Meine Freundin freut sich, kann sie ihre Spanischkenntnisse endlich mal wieder voll zum Einsatz bringen. Ich verstehe nur Bahnhof und konzentriere mich auf mein Brötchen und das Geschehen im Nachbarhaus. Von unserem Platz aus kann man nämlich in eine tiefer gelegene Wohnung im Haus gegenüber gucken. Allerdings spielt sich da gerade gar nichts ab und gelangweilt widme ich mich wieder meinem Frühstück. Kurz versuche ich, mich in Englisch in die Konversation mit einzubringen, aber dass will sonst keiner so recht und ich schweige schließlich wieder. Morgen, verspreche ich mir, morgen nehme ich mir was zum Lesen mit zum Frühstück.

Wir sind noch ziemlich erledigt vom Vortag und beschließen, diesen Tag etwas entspannter anzugehen. Wir wollen noch einmal zur spanischen Treppe und dort ein wenig durch die Geschäfte bummeln. Vielleicht finde ich ja noch ein paar schöne italienische Schuhe?
Mit der Metro, die heute nicht streikt fahren wir dort hin. Nicht alle Geschäfte haben sonntags geöffnet, aber doch genug, um sich die Zeit zu vertreiben. Die Läden sind angenehm klimatisiert und das Gedränge hält sich in Grenzen. Statt neuer Schuhe kaufe ich mir eine CD. So etwas mache ich immer gerne im Urlaub, das ist dann meine "Urlaubs-Erinnerungs-CD". So habe ich mir zum Beispiel in Colorado eine CD von Country-Sänger Garth Brooks gekauft, in Alaska von Johnny Cash und in Schottland eine CD der schottischen Band Runrig. Hier in Rom ist es Tizziano Ferro.

Obwohl unser Einkaufsbummel nicht wirklich ergiebig ist (Gruß an Herrn Barth, so etwas soll vorkommen - auch bei Frauen!), sind wir doch recht bald ziemlich erledigt und suchen uns ein kleines Restaurant zur Entspannung und Stärkung. Wir bestellen - was wohl - Pizza und bekommen von dem recht unfreundlichen Kellner (tja, auch hier ist nicht alles immer super) Fladenbrot mit Tomaten und Mozzarella belegt, es gleicht eher einem Sandwich. Wir fragen uns, ob der Mann unsere Bestellung richtig verstanden hat. Auch die zwei Frauen am Nebentisch fragen sich und uns das. Natürlich vermeidet der ambitionierte Kellner jeden weiteren Kontakt mit uns und wir beschließen durch Beobachtung unsere Bestellung zu evaluieren. Auch an den anderen Tischen wird dieses Sandwich als Pizza serviert. Vielleicht ist das hier ja auch ein türkisch-italienisches Restaurant? Oder Pizza am Abend ist nicht dasselbe wie Pizza am Mittag? Oder aber alle Italiener irren und dieses Sandwich ist die eigentliche, ursprüngliche Pizza, so, wie man sie seit Jahrtausenden eigentlich in Italien essen sollte … Wer weiß das schon so genau? Und eigentlich schmeckt's auch ganz gut.

Foto: Rom - Tiber Gestärkt schlendern wir weiter über den Tiber und suchen nach einem Cafe in dem wir einen Cappuccino trinken können. Denn nach diesem einschneidendem Pizza-Erlebnis waren wir nicht sicher, was man uns dort als Cappuccino servieren würde und da wollten wir keinen Fehler machen. Wir finden ein nettes Cafe in der Nähe des Tibers, trinken Cappuccino und beobachten eine Gruppe junger Franzosen, die fröhlich ebenfalls Kaffee und Cappuccino schlürft. Noch ahnt keiner von uns, welch ein Desaster sich am Abend für die Franzosen abspielen wird ...

Entlang des Tibers schlendern wir schließlich zurück zum Hotel und halten Siesta. Denn die Nacht wird sicher lang.

Großes Finale: Italien-Frankreich  
 
Der Abend des großen WM-Finales: Italien gegen Frankreich. Man sieht schon ein paar mehr grün-weiß-rote Flaggen, als am Vortag. Am Circus Maximus (der sich in der Nähe des Kolosseums befindet) findet eine Übertragung auf Großleinwänden statt. Aber wir ziehen die gemütlichere Variante vor - zumal ja noch unsicher ist, wie dieses Spiel ausgehen wird … Außerdem sieht der Himmel nach Regen aus - Schlammschlacht mit 3000 Italienern - nee, es gibt Dinge im Leben, auf die kann ich ohne weiteres verzichten.

Mit dem Bus wollen wir zum Piazza Navona fahren. Allerdings haben wir kein Ticket und im Bus kann man auch keines kaufen. Dem Busfahrer ist es egal, er lässt uns trotzdem mitfahren. Man muss sich nur dumm genug anstellen …

Wir sind eine Stunde vor Spielbeginn am Piazza Navona. Hier gibt es keine Großleinwände. Ein paar Restaurants haben kleine (wirklich kleine!) Fernsehgeräte aufgestellt und empfangen das Spiel mit Zimmerantenne und reichlich Schnee. Bevor wir in ein Restaurant gehen, kaufe ich einem Straßenhändler noch schnell eine italienische Flagge ab. Wenn Italien Weltmeister wird, will ich ja ordentlich mitfeiern. Ich gestehe, ein bisschen komme ich mir schon vor, wie ein Landesverräter, andererseits - ich mag Italien und Solidarität ist doch auch was ehrenwertes …

Wir suchen uns ein nettes Restaurant, finden einen Platz mit guter Sicht auf den Fernseher (Bilddiagonal 20 Zentimeter oder so…) und essen lecker Pizza. Allmählich füllen sich die Plätze um uns herum und wir sehen die stecknadelgroßen Spieler der Nationalmannschaften in das Berliner Fußballstadion einmarschieren. Parallel dazu fährt ein Wagen der Policia auf den Piazza Navona, überqueren diesen, vollführen ein rasantes Wendemanöver und verlassen den Platz wieder. Nette Einlage. Wenige Minuten später kommt eben dieser Polizeiwagen gefolgt von vier Mannschaftswagen wieder zurück auf den Platz. Das Programm, dass sie uns bieten ist fast spannender, als das WM-Spiel. Sie rasen über den Platz. Bremsen hart. Ein, zwei Carabineri springen heraus, um die Wagen einzuweisen. Kaum stehen die Wagen, springen gleich noch mal jede Menge Polizisten in Kampfkleidung aus dem Wageninneren. Wir rätseln, was da gerade abgeht. Suchen die jemanden? Ist gerade eine Horde Hooligans auf dem Weg zu diesem Platz? Hat ein Restaurantbesitzer die Übertragungsgebühren für das Fußballspiel nicht bezahlt? Das Rätsel ist schnell gelöst. Wir entdecken ein Restaurant auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes, die eine vielleicht zwei-mal-zwei große Leinwand aufgestellt haben. Die Gesetzeshüter stürmen zu diesem Platz, um dort in aller Ruhe das Fußballspiel zu schauen …

Bei diesem Randspektakel haben wir doch glatt den Treffer von Zidane verpasst! So was aber auch. Nun, die Italiener hätten auf dieses Tor ohnehin lieber verzichtet. Als das Ausgleichstor für Italien fällt, ist der Jubel und die Erleichterung um uns herum groß. Alles ist wieder möglich. Mit einer zeitlichen Verzögerung von zwei, drei Sekunden setzt auch der Jubel in dem Restaurant mit der Leinwand ein. So geht es einige Male, bis schließlich einige der Polizisten zu uns rüber kommen. Hier können wir live erleben, dass die Übertragung über das Internet eine kleine Zeitverzögerung mit sich bringt. Und die Zuschauer der Internetübertragung können schon immer ordentlich Luft holen zum Jubeln, wenn wir laut klatschen, weil einer der italienischen Spieler wieder eine tolle Aktion vollbracht hat - unter uns gesagt, auf dem kleinen Fernseher können wir nicht wirklich was erkennen, ich hätte mein Opernglas mitnehmen sollen … Aus diesem Grund verlassen wir in der Halbzeitpause das Restaurant und streben rüber zur Leinwand, um das Geschehen besser verfolgen zu können.

Es herrscht eine recht entspannte Atmosphäre auf dem Platz, kein Gegröle, kein Gemecker, alle schauen sich das Spiel an und sind voller Hoffnung und Zuversicht, das Italien Weltmeister wird. Nur bei dem Foul von Zidane gehen die Gemüter einmal hoch. Eine Italienerin springt auf und geht mit ihrer Gabel auf den Fußballer, der gerade in Großformat auf der Leinwand erscheint, los, kann sich aber gerade noch beherrschen. (Hätte sie die Leinwand angeritzt, wären die netten Italiener um sie herum wahrscheinlich ebenfalls nicht mehr so ruhig geblieben). Nun, aber dieses Foul hätte ja nun wirklich nicht sein müssen (Wir verstehen ja leider den Sprecher nicht, und können nur anhand der Bilder urteilen, was da los ist). Ich hätte dem sympathischen Zidane einen besseren Abgang von seiner Fußballer-Karriere gewünscht.

Die normale Spielzeit endet 1:1. Es geht in die Verlängerung und dann sitzen wir plötzlich alle im Dunkeln. Stromausfall. Es dauert einen längeren Moment, bis das geregelt ist. Noch bleiben alle ruhig, allerdings lauscht man gespannt zum Restaurant gegenüber, ob dort irgendwelche Jubelrufe zu vernehmen sind und man das entscheidende Tor womöglich schon verpasst hat. Aber drüben bleibt alles still. Der Strom ist wieder da, die Fußballer tummeln sich wieder auf der Leinwand. Aber schon wenige Minuten später wiederholt sich das Spiel - erneut ein Stromausfall. Jetzt werden doch einige Nervös, denn wir sind kurz vor dem Elfmeterschießen - was, wenn ausgerechnet beim Elfmeterschießen der Strom wieder ausfällt!!! Nicht auszudenken. Einige Zuschauer suchen sich eine andere Location. Wir harren aus. Und bald darauf erscheint auch wieder das Grün vor unseren Augen und es geht weiter. Elfmeterschießen ist spannender, als ein Thriller im Kino. Es gibt Statistiken, die besagen, dass in manchen Ländern dabei das Herzinfarktrisiko immens in die Höhe schnellt. Wir brauchen zum Glück keinen Arzt und nach fünf italienischen Treffern ist Italien Weltmeister. Der Wahnsinn kann beginnen.

Um uns herum wird gejubelt, die Menschen springen auf, liegen sich in den Armen, schwingen die italiensche Flagge, rufen irgendetwas, was wir leider nicht verstehen und singen die Nationalhymne. Meine Freundin und ich tun es ihnen gleich, springen und lachen und kreischen, freuen uns mit den Italienern über ihren Titel.

Wir schlendern über den Platz und betrachten das bunte Treiben. Ein Italiener nimmt mich in den Arm, dreht mit mir singend zwei, drei Runden, dann ziehen wir weiter. Zwei Straßen weiter ist ein weiterer Platz voller Menschen. Zu meiner Linken fällt mir eine ganze Batterie Polizisten in Kampfkleidung mit Schutzschildern und Schlagstöcken auf. Das macht mich ein wenig nervös. Ich gehe zu einem der freundlich lächelnden Männer und frage, ob sie irgendwelchen Ärger erwarten. Er schaut immer noch freundlich, aber doch ernst, nickt und sagt mit der Inbrunst der Überzeugung: "Si."
Ich sage "oh" und begebe mich mit meiner Freundin an den Rand des Platzes - direkt neben einen Wagen der Ambulanz. Nur wenige Minuten später wird auch schon der erste Verletzte angeliefert. Blut läuft über seine linke Gesichtshälfte. Wir beschließen, in friedlichere Gefilde abzuwandern.

Am Tiber ist der Teufel los. Auto an Auto, Moped neben Moped, ein Meer aus Fahnen und jubelnden Menschen, die aus Autofenstern und Kofferräumen quellen oder sich auf Autodächern fest klammern. Ich frage mich kurz, wie viele Wagen nach dieser Nacht defekte Stossdämpfer haben werden, weil sie hoffnungslos mit Menschen überladen sind. Das Hupkonzert ist endlos und sicher noch bis nach Venedig und Sizilien zu hören. Die Abgase bilden eine blaue Wolken und dringen in unsere Lungen. Die Seitenstraßen wurden von der Polizei abgesperrt. Es wirkt alles sehr entspannt. An roten Ampeln hält der Autocorso brav - wer hätte gedacht, dass die Italiener so gesetzestreu sind - erst bei grün geht die Rundfahrt weiter. Die Chance für den mutigen Fußgänger, die Straßenseite zu wechseln. Würde einem nicht mit der Zeit die Lunge aufgrund der hohen Abgaswerte versagen, hätte ich mir dieses Spektakel stundenlang ansehen können.

Unser Weg führt uns weiter in die Seitenstraßen und in die Kneipen. Auch hier wird gefeiert, getrunken, getanzt. Wir finden einen Platz an der Theke. Der Wirt nimmt zwei kleine Gläser, fragt ob wir Französinnen wären.
"No", erkläre ich "Germans."
Er schenkt mir ein mitleidiges Lächeln und stellt die gefüllten Pinnchen vor uns hin. Die gehen auf's Haus. Was wir da trinken, wissen wir nicht, aber es ist hochprozentig. In der nächsten Kneipe wird nach Sambarhythmen getanzt. Wir tanzen eine Weile mit. Ein Riesenglas Bier macht die Runde. Wir verzichten dankend.

Schließlich wird es Zeit, sich auf den Heimweg zu machen, es sind schließlich noch einige Kilometer Fußmarsch bis zu unserem Hotel. Aber der Marsch wird nicht langweilig, denn durch alle Straßen schlängelt sich noch immer der Autocorso und es gibt reichlich zu gucken. Noch immer wird gesungen und Jubelrufe wie "Forza Italia" dringen an unser Ohr.

An einer Bushaltestelle steigt gerade ein Busfahrer aus seinem Gefährt. Meine Freundin fragt hoffnungsvoll, ob er Richtung Vatikan fährt. Der Busfahrer grinst und erklärt: "Vaticano? Impossible!"
Ich liebe diese italienische Sprache!

Wir wandern entlang der Autoschlange, die stellenweise immer wieder total zum Erliegen kommt. Es ist ein herrliches Spektakel und ich ärgere mich kurz, dass ich meinen Fotoapparat nicht mitgenommen habe. So kann ich diesen denkwürdigen Abend gar nicht im Bild halten. Sämtliche größeren Straßen sind vollgestopft mit Autos und Zweitaktern. Auf den Ladeflächen kleiner LKWs drängen sich die Menschen und feiern, aus den Kofferräumen diverser Autos winken zwei, drei, vier fröhliche Italiener und Italienerinnen. Irgendwann in den frühen Morgenstunden erreichen wir unser Hotel und fallen müde und mit wunden Füssen in unsere Betten. Der Wind trägt leise das Hupkonzert zu unser herüber, das uns in den Schlaf begleitet.

Foto: Rom - Cappuccino Für uns geht ein tolles Wochenende zu Ende.
Den Montag verbringen wir noch in ein, zwei Cafes und kaufen noch schnell ein Paar Schuhe, bevor wir uns wieder auf den Weg zum Flughafen machen müssen. Natürlich hat der Flieger wieder Verspätung. Aber das ist egal.

Für mich steht fest:
Ich komme wieder, denn es gibt noch viel zu entdecken in dieser schönen, alten Stadt.

 
 
 
 
 
 
© Copyright by Sybille Baecker